Bennert-Journal - Mai 2009 |
|
Themen dieser Ausgabe: +++ Das Arnstädter Rathaus: Unsere Steinmetze verarzten die „Wilden Leute“ +++ Radmuttern nachziehen! +++ Neue Baustellen +++ Was ist eigentlich ein Kirchenmäuschen +++ |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Das Arnstädter Rathaus: Seit Ende letzten Jahres sind in unserer Steinmetzwerkstatt in Utzberg zwei ganz außergewöhnliche „Patienten“ in Behandlung. Die sogenannten Wilden Leute machen ihrem Namen alle Ehre: Die beiden 2,10 m großen Figuren tragen außer einem provisorischen Lendenschurz aus Moos und Blättern keinerlei Textilien am Leib. Der Wilde Mann erinnert mit seinem Rauschebart an die fiktive Figur des Robinson Crusoe und weist auch außerhalb des Gesichtes eine starke Körperbehaarung auf. Doch auch an den Beinen der Wilden Frau würde ein handelsüblicher Ladyshaver vermutlich sehr schnell den Dienst quittieren. Die beiden Skulpturen aus Seeberger Sandstein zierten bereits in der Renaissance den Südgiebel des Arnstädter Rathauses. Mit Glocken an jeweils einem beweglichen Holzarm läuten sie nun schon seit dem Jahre 1587 die vollen Stunden ein. Doch der Zahn der Zeit nagte über all die Jahrhunderte unerbittlich an den Wind und Wetter ausgesetzten Figuren. Insbesondere der Frau machte nicht nur die Witterung sondern auch Ihr „Übergewicht“ zu schaffen. So brachen schließlich ihre filigranen Beine in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter dem hohen Gewicht des Torsos. In der für das DDR-Regime typischen Lieblosigkeit im Umgang mit Kulturgütern behob man den Schaden nur provisorisch, indem man die Beine einfach mit einem Betonblock verstärkte. Im Jahre 2008 entschied die Arnstädter Stadtverwaltung nun, daß das betagte Paar einer Generalüberholung bedürfe und übergab die Figuren unserer Obhut. Unter der Leitung von Frank Voigt wurden die Skulpturen in den vergangenen Monaten fachmännisch restauriert: Die Zementergänzungen sind inzwischen entfernt, und die zerbrochene Wilde Frau besteht nach sorgsamen Klebungen wieder aus einem Stück. Um die Beine zu entlasten, wurden sozusagen als „orthopädische Maßnahme“ an den Rückseiten beider Plastiken stützende Edelstahlkonstruktionen angebracht. Fehlstellen im Schulter- und Fußbereich sind durch Vierungen und Antragungen ergänzt worden. Hierbei ist besonders die Leistung von Frau Aline Gohlke hervorzuheben, die bei uns ihr freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege absolviert und bei der Wiederherstellung der Fellstruktur ein außergewöhnliches künstlerisches Geschick bewiesen hat. Nachdem die Figuren abschließend noch mit einem Abbeizer gereinigt wurden und eine frische Farbfassung sowie neue Edelstahlfahnen aus unserer Metallwerkstatt erhalten haben, können die Wilden Leute am 15. Mai wieder ihren angestammten Platz auf dem Arnstädter Rathaus einnehmen. |
|
In alten Texten und Darstellungen kommt dem Wilden Mann oft eine metaphorische Bedeutung zu. Er steht für die bedrohliche Wildnis aber auch für die überwundene Natur, für überkommene kulturelle Entwicklungsstufen des Menschen und für bestimmte, als urtümlich empfundene charakterliche Merkmale von Männern. Der Wilde Mann wird im Mittelalter von einem Mythos des Volksglaubens, einem Archetypus des Chaos, zu einem Symbol für erstrebenswerte Charaktereigenschaften in den Geschichten der gesellschaftlichen Oberschicht. Wilde Männer tauchen nicht nur in bedeutenden Werken der Weltliteratur wie dem Simplicissimus oder Goethes Faust 2. Teil auf, sondern sind auch auf zahlreichen Stadt- und Gemeindewappen dargestellt. Einige Forscher nehmen an, daß sich in den Vorstellungen von diesem menschähnlichen Fabelwesen Erinnerungen an den Beginn der Zivilisationsgeschichte des Menschen erhalten haben, als Homo sapiens (Jetztmensch) und Neanderthaler für einen gewissen Zeitraum nebeneinander existiert haben könnten. |
|
|